воскресенье, 20 сентября 2020 г.

Andrea Pirlo bei Juventus Turin in der Serie A: Wunsch trifft Wirklichkeit

U23-Trainer sollte er werden, in der dritten Liga in die Lehre gehen. Ein üblicher Weg für einen Trainerneuling. Aber Andrea Pirlo ist nun mal kein gewöhnlicher Trainerneuling. Schon gar nicht in Italien, in Turin, für Juventus. Und so hatte Juve-Präsident Andrea Agnelli bereits bei der verdächtig pompösen Vorstellung des 41-Jährigen als neuen Nachwuchstrainer Ende Juli gesagt: «Andrea ist prädestiniert für die erste Mannschaft», das sei zumindest sein Wunsch.

Wenige Tage später wurde Pirlo nicht weniger aufwendig als neuer Cheftrainer präsentiert.

Der Vertrauensvorschuss für die Institution Pirlo ist im Umfeld wie in den zu Extremen neigenden Medien enorm. Weltmeister-Trainer Marcelo Lippi ist überzeugt von Pirlo: «Andrea war 2006 bereits mein Co-Trainer auf dem Rasen. Er ist bereit für den Job und soll sich wie seit jeher von seiner Genialität führen lassen.» Mit Filippo Inzaghi (bei Aufsteiger Benevento Calcio) und Gennaro Gattuso (bei der SSC Neapel) ist Pirlo in der aktuellen Serie-A-Saison dritter Trainer der 2006-Weltmeister. Gattuso begrüßte den ehemaligen Milan-Gefährten mit den Worten: «Bravo Andrea, jetzt hast du die Arschkarte gezogen. Viel Glück!»

Vom ältesten Meistercoach zum Null-Spiele-Trainer

Agnelli und Pirlo vertieften ihre Freundschaft nach dessen Abschied 2015 und der Presidente ließ durchblicken, dass das regelmäßige Philosophieren über modernen Fußball zum Engagement des Freundes beigetragen habe. Außerdem gehöre Pirlo zur Familie und wisse, «was Juve-DNA bedeutet». Im Umkehrschluss hieß das natürlich auch: Vorgänger Maurizio Sarri wusste es nicht.

Mit dessen Mischung aus gebürtigem Neapolitaner und Wahl-Toskaner, zwei Anti-Juventus-Bastionen, hatte sich Turin ohnehin nie anfreunden können, mit Sarris ungalantem blauen Polohemd und dem ständigen Zigarettenfilter-Kauen noch weniger.

Sarri war nach Max Allegri der zweite Meister-Trainer, den Juventus binnen zwölf Monaten entließ. Nachdem Juventus im Champions-League-Achtelfinale an Lyon gescheitert war, wechselte der Klub somit vom ältesten Meistercoach der Serie-A-Geschichte zu jemandem, der noch keine Sekunde im Leben die Trainer-Verantwortung getragen hat.

Mitte September erhielt Pirlo nach 240 Stunden Trainer-Lehrgang die Uefa-Pro-Zulassung. Die Abschlussarbeit «Mein Calcio» beschrieb Renzo Ulivieri, Chef der Trainerschule als «modern, greifbar, realistisch. Ein offensives Spektakel, ohne den Ergebnis-Pragmatismus aus den Augen zu verlieren.»

Er kam, er war, er inspirierte

Um zu wissen, worum es Rekordmeister Juventus geht, braucht Pirlo allerdings kein Examen. «Ich bin neu im Trainer-Geschäft, aber nicht von gestern. Bei Juventus zählen nur Erfolg und Trophäen – das war als Spieler so, das ist als Trainer so», sagte der 41-Jährige, der auf dem Platz bei all seinen Spielerstationen brillierte. Ohnehin sind Pirlos Vision und dessen Charisma für Juventus aktuell vielleicht mehr Wert als jahrelange Erfahrung an der Seitenlinie.

Zu Spielerzeiten galt Pirlo als jemand, der die Kollegen regelmäßig zu Professionalität und Verantwortung mahnte. Keeper Gianluigi Buffon erzählte einmal, täglich neben Pirlo zu trainieren habe ihm gezeigt, dass Gott existiert.

Juventus braucht jenen Funken, den Pirlo einst in den Kollegen inspirierte.

Vor diesem Hintergrund kokettiert Pirlos Verpflichtung freilich mit jenen von Pep Guardiola beim FC Barcelona und Zinédine Zidane bei Real Madrid. Die gewagte Entscheidung schließt aber auch einen internen Kreis.

2011, als Pirlo nach zehn Jahren Milan schimpfte, als Reserve «verschrottet und begraben» worden zu sein, wechselte er ablösefrei zum Rivalen Juventus. Er kam gemeinsam mit Trainer Antonio Conte — und beide begründeten die Ära der neun Meisterschaften in Folge inklusive zweier Champions-League-Finals.

«Die Aufopferung und die Besessenheit vom Erfolg waren unvergleichlich. Unter Conte reifte mein Wunsch, ebenfalls Trainer werden zu wollen. Seine Ansprachen waren einzigartig. Wenn wir Arrigo Sacchi Genie nennen, gibt es für Conte keine Worte», sagte Pirlo kürzlich über jenen Mann, der als Trainer von Inter zu seinem härtesten Gegner werden könnte. Am Sonntagabend (20.45 Uhr) geht es zum Ligastart zunächst gegen Sampdoria.

Pirlos Erfolgsplan lautet: absolute Dominanz, unverzügliche Rückeroberung bei Ballverlust, vertikales Spiel und taktische Flexibilität. Er schaue auf Sassuolos aufstrebenden Trainer Roberto De Zerbi, AZ Alkmaar und RB Leipzig ebenso wie auf Louis van Gaals Ajax und Johan Cruyffs Barcelona – eine Mischung, auf die man gespannt sein darf.

Icon: Der Spiegel

Source: spiegel.de

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