
Von wegen weich und saftig-süß: Erbsen waren früher hart wie Kieselsteine. Und als solche, so weiß es der Nordische Mythenschatz, vom Donnergott Thor als passend empfunden, die Menschheit abzustrafen, die ihm dreist ihre Hochachtung versagte. Thor pfiff ein Regiment von Flugdrachen herbei und ließ sie ihre Mäuler mit Erbsen füllen. Die Drachen spien dann den Menschen ihre Brunnen mit den Erbsen voll, um sie zu verstopfen. Weil bei dieser Strafaktion auch Erbsen auf die Äcker fielen und zu Erbsenpflänzchen wuchsen, lag in der Strafe auch ein großes Heil: Nachdem die Menschen ihre Brunnen wieder freigeräumt hatten, waren sie froh über die Hülsenfrucht, die ihnen bald nährstoffreich den Magen füllte.
Um ihre Dankbarkeit auszudrücken, so heißt es, aßen die Nordmänner von nun an Thor zu Ehren Erbsensuppe, an jedem Donnerstag (auch im Deutschen nach dem Donnergott benannt, im Schwedischen heißt er entsprechend «Torsdag», Tag des Thor). In einigen Gegenden von Deutschland isst man am Donnerstag noch immer Erbsensuppe, im Schwäbischen zum Beispiel. Aber auch in Schweden oder Finnland.
Auch in England aß man immer schon viel Erbsensuppe. Im Mittelalter ließ man sie lange köcheln, Erbsen aß man damals nicht frisch, sondern lagerte sie getrocknet. Sie waren nach wie vor hart und unzugänglich und noch viele, viele Kreuzungs- und Züchtungsgenerationen entfernt von dem fruchtig-süßen, quietschgrünen Gute-Laune-Gemüse, das wir heute kennen. Ins Suppenwasser gab man damals Schinkenspeck – und eine große Handvoll frische, grüne Minze, deren ätherische Öle und kampferige Schärfe den dumpfen Erbsgeschmack vertrieben. Grüne Minze gilt als typisch britisch, ist aber ein Kraut, das damals in jedem europäischen Klostergarten wuchs.
Apropos Klostergarten: In einem solchen führte viele Jahre später der Mönch und Priester Gregor Mendel seine berühmten Versuche an der Erbsenpflanze durch, die den Weg für das systematische Kreuzen und Züchten freimachen sollten. Die Erbsen wurden so im Lauf der Jahre immer saftiger und süßer, sodass man eigentlich bald keine Minze zu den Erbsen brauchte, sie verschwand dann auch als Erbsen-Zutat in Europa.
In ganz Europa? Nein. Weil die Engländer Traditionalisten sind, lebt die Erbs-Minz-Kombination auf der Insel ungebrochen fort. Und das ist wunderbar! Warum, erlebt man, wenn man den ersten Löffel dieser raffinierten und trotzdem supereinfachen Erbsen-Minz-Suppe isst: Der heiße, samtig-süße Suppenschaum in Kermitgrün, in den sich die mit Schinkenwürfeln aromatisierte Sahne rauchig mischt… Der Biss auf ein paar Erbsen, die so saftig platzen. Und dann – durch das Menthol so kühl und frisch wie Gletschereis – das dunkelgrüne Minz-Olivenöl! Es macht diese Kindersuppe herrlich erwachsen.
Essen Sie Erbsensuppe! Give Peas a Chance! Erweisen Sie Thor, dem Donnergott, die Ehre. Bevor der Ehrerweisungs-Erbsenzähler sich zu einer weiteren Strafe anschickt und seine Zwerge sendet, die nachts die Erbsenfelder leeren, wie es die nordische Sage weiß…
Source: spiegel.de
Комментариев нет:
Отправить комментарий