суббота, 26 сентября 2020 г.

Friede Springer und Mathias Döpfner: Das Vermächtnis der Patentante

Der Herbst beginnt, die Pandemie hört nicht auf, und Netflix ist bereits leergeguckt. Neuer Stoff muss her! Und da kommt er schon: Das Verlagshaus Axel Springer überrascht mit einem vielversprechenden Trailer für eine revolutionäre Reality-Soap.

Als wäre die Nachricht nicht bereits spektakulär genug: Die Verleger-Witwe Friede Springer verkauft ihrem Chef-Manager für rund eine Viertelmilliarde Euro Konzern-Aktien und schenkt ihm obendrein Anteile im Wert etwa einer Milliarde. Für ihre restlichen Aktien soll er das Stimmrecht ausüben. Jetzt stellt sich heraus: Der Mega-Deal soll offenbar als Doku-Soap verfilmt werden. Eine erste Szene gibt es jedenfalls bereits zu sehen — und diese macht Lust auf mehr. In 4 Minuten und 9 Sekunden sind bereits alle Konflikte und Verwicklungen einer Geschichte angelegt, in der alles übergroß ist: die Liebe, der Reichtum, die Ambition. Und wir ahnen nach diesem kurzen Einblick: All das ist in Gefahr. 

Die Handlung beginnt ansatzlos. Wir sehen zwei Menschen in holzvertäfelter Kulisse, im Hintergrund markieren ein Bücherregal mit ledergebundenen Werken, ein Gemälde und ein Aschenbecher aus schwerem Metall das Setting: ausgestellter Wohlstand im Landhausstil, nicht mehr modern, aber solide. Friede Springer, elegant in Pink, auf einem Ledersessel. Sie wirkt etwas aufgeregt, die Hände gestikulieren unter dem Couchtisch. Gleich wird sie öffentlich eine Milliarde Euro verschenken — an den Mann gegenüber: Mathias Döpfner, im eng geschnittenen blauen Anzug, seit 2002 Springers Chefangestellter, sitzt nach vorn gebeugt, die Beine weit gespreizt.

«Ich bin jetzt fest entschlossen, es ist soweit, die Verträge sind fertig», sagt Friede Springer, «Mathias, Du wirst mein Nachfolger.» Ein großer Moment für den Springer-Konzern, vor allem aber für Döpfner: Er ist wohl der erste Musikkritiker, der es zum Milliardär gebracht hat. Ein schöner Erfolg.

Döpfner reibt sich unwillkürlich die Hände, als Springer sagt: «Wir haben einen hervorragenden Vorstand.» Dann liegen die Fingerspitzen still aufeinander, wie ein Pfeil gerichtet auf Friede Springer, Döpfner ist mit jeder Faser seines Körpers auf sie ausgerichtet, auf die nun endgültig wichtigste Frau seines Lebens. Springer ist die Patentante seines zweiten Sohnes, schon 2012 hat sie Döpfner Aktien im Wert von 73 Millionen Euro geschenkt, weil sie ihn damals schon mochte und ans Unternehmen binden wollte. Verglichen mit der aktuellen Schenkung ein vergleichsweise mickriger Sympathiebeleg. Heute muss es mindestens Liebe sein, mit Haut und Haaren.

Ein Versprechen für die Ewigkeit

«Mir fehlen da manchmal noch immer ein bisschen die Worte», sagt Döpfner, für eine Sekunde lacht er auf, als könne er es selbst nicht glauben, eine Milliarde, Wahnsinn. Oder wollte er einen Witz machen? Döpfner fehlen selbstverständlich keine Worte, er hat sich alles genau überlegt, er weiß, was er jetzt auszudrücken hat, sofort wieder gefasst und mit gedeckter Stimme: Dankbarkeit. Dann gibt er ein Versprechen für die Ewigkeit: «Ich werde alles für das Unternehmen geben, um es im Sinne des Gründers und in Deinem Sinne immer zu führen.»

«Mathias, davon bin ich überzeugt», sagt Friede Springer, sie klopft energisch auf den Tisch, sie hat keine Zweifel, sie will das jetzt. «Wir haben einen hervorragenden Vorstand», sagt Friede Springer nochmal, und wieder reibt sich Döpfner die Hände, es scheint ihm ein sehr wichtiger, vielleicht der wichtigste Satz zu sein, und es erfüllt ihn augenscheinlich mit großer Zufriedenheit, ihn wiederholt hören zu dürfen.

Dann ein interessanter Schnitt. Friede Springer hat gerade gesagt, wie wichtig ihr es sei, dass Döpfner jetzt das Unternehmen führen wird, ihre Stimme nimmt Fahrt auf, sie fühle sich wohl mit der Entscheidung, sie wirkt geradezu aufgekratzt: «Das wird eine gute Zeit.» Dann der Cut. Offenbar musste wiederholt angesetzt werden für das, was jetzt folgt – und was für Springer, die Frau und den Konzern, folgen wird.

«Wir werden das auch in Zukunft zusammen machen», sagt Döpfner beschwichtigend, die Hände geöffnet, seine Geste signalisiert ein Zugeständnis. Friede Springer klopft auf den Tisch: «Ich bleibe hier, ich bleibe hier im Büro», ruft sie aus, und gestikuliert ihr Bleiben mit ausgestrecktem Zeigefingern in Richtung Tisch, genau hier wird sie bleiben, Döpfner stimmt zu. «Ja… Jaja… Ja, unbedingt», sagt er, während Friede Springer die gemeinsame Zukunft ausmalt: «Es ist nicht so, dass ich alles loslasse.»

An dieser Stelle ein bemerkenswerter kurzer Seitenblick Döpfners, ein scharfes Einatmen, die Rechte fährt hoch, um den Kopf zu stützen. Der Traum von der Alleinherrschaft, er vernimmt es gerade, ist doch noch nicht ganz Wirklichkeit. Die Chefin wird immer noch ins Büro kommen, jeden Tag. Sie werden weiterhin viel Zeit miteinander verbringen. Sie hat ihm zwar ihre Stimmrechte übertragen, aber ihre Stimme wird er weiter im Ohr haben. Sie will noch nicht loslassen, sie will nur für den Fall vorsorgen, dass ihr etwas zustößt – dann soll alles in den richtigen Händen sein.  

Nach dieser emotionalen Sequenz ein erneuter Schnitt, womöglich musste beruhigt, musste getröstet werden. Nach dem Schnitt jedenfalls scheint Zeit vergangen, die Stimmung nun nüchtern, Döpfner redet von Kontinuität, alles soll so bleiben, die Werte des Hauses wird er nicht verraten. «So erfolgreich wie bisher», pflichtet Friede Springer bei.

Die Bruchstelle

Und wir ahnen: So, wie es war, wird es nicht bleiben können. Denn so erfolgreich wie früher, wie in der großen Zeit, ist das Haus schon lange nicht mehr. Das ist die Bruchstelle. In einer Zeit, in der sich alles von Grund auf ändert, und das Mediengeschäft noch schneller als alles andere, wird der Springer-Konzern sich ändern müssen, womöglich hart und ohne falsche Rücksicht auf holzvertäfelte Tradition. Darum wird es in den nächsten Episoden dieser Saga gehen: Um den langen Abschied der alten Dame, den Abgang Springers bei Springer. Um die Veränderung, ohne die keine Zukunft möglich ist.

Aber jetzt noch nicht, nicht in der Stunde des großen Geschenks. Döpfner verharrt gebeugt in dankbarer Bescheidenheit, auch als Aktienmilliardär will er bodenständig bleiben. Friede Springer tätschelt den linken Knöchel seiner verknoteten Hände, er hat offenbar gesagt, was sie hören wollte, Prüfung bestanden: «Prima! Wir schaffen das, Mathias.» Jeden Tag komme sie hierher, in den Verlag, und dankbar sei sie dem lieben Gott, wenn sie mal fort war und zurückkehren könne, dorthin, wo sie hingehört. Und aus. Was für ein Cliffhanger.

Sie hat übergeben, aber ist noch nicht gegangen. Er soll jetzt führen, aber nicht ohne sie. Alles soll so bleiben, und muss doch anders werden. «Das Vermächtnis der Patentante» zeigt uns einen Mann vor einer schier unlösbaren Aufgabe, zwischen Tradition und Umbruch, bescheiden, loyal, aber auch hart und ehrgeizig. Wann wird er seine Ketten sprengen? Es wird ein spannender Herbst im goldenen Springer-Palast – und auf unseren Fernsehschirmen.

Icon: Der Spiegel

Source: spiegel.de

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