Zu den Tafeln gehen die Menschen, weil sie Lebensmittel brauchen, aber auch weil sie hier andere Menschen treffen. Jochen Brühl, geschäftsführender Vorstand der Tafel Deutschland sagt, die bürgerschaftlichen Organisationen werden von der Krise hart getroffen – und mit ihnen all die Menschen, um die sie sich kümmern.
ZEIT ONLINE: Herr Brühl, einige Tafeln beklagen, dass wegen der Hamsterkäufe nicht mehr genug Lebensmittel übrig bleiben, die sie verteilen könnten. Ist die Coronakrise auch eine soziale Krise?
Jochen Brühl: Die ersten Monate des Jahres sind für die Tafeln sowieso schon Engpasszeiten. Wir stehen vor einer extremen Herausforderung. Tafeln bekommen das, was abends an frischer Ware in den Supermärkten übrig bleibt. Jetzt, wo die Regale leer gekauft werden, bleibt an manchen Orten nichts übrig. Das trifft natürlich besonders diejenigen, die sowieso schon abgehängt sind. Dabei muss sich von den Besserverdienenden eigentlich niemand fürchten, zu kurz zu kommen, die Regale werden ja wieder aufgefüllt. Denen, die hamstern, mache ich aber gar keinen Vorwurf. Auch deren Sorgen sind ja legitim. Meine Bitte wäre nur: Wenn sie merken, dass sie doch zu viel gekauft haben, sollen sie sich bei der Tafel vor Ort melden und die Lebensmittel weitergeben, bevor sie schlecht werden. Das ist auch eine Chance, den Blick zu weiten für Menschen in der Nachbarschaft, die sonst gern ausgeblendet werden.
ZEIT ONLINE: Wie begegnen die Tafeln der Krise?
Brühl: Es gibt einige kreative Lösungsansätze. Tafeln packen Lebensmittel in Tüten und stellen sie den Kundinnen und Kunden vor die Haustür oder es helfen Studierende, die Lebensmittel zu verteilen. Das sind gute Ideen, für die Fläche kann das aber nicht die Lösung sein. Die Bundesregierung hat Betrieben große Hilfen zugesagt, auch über Hilfe für Selbstständige wird bereits gesprochen. Was aber wird aus NGOs wie der Tafel? Die bürgerschaftlichen Organisationen werden von der Krise hart getroffen – und mit ihnen all die Menschen, um die sie sich kümmern.
ZEIT ONLINE: Auch müssen erste Einrichtungen der Tafeln schließen. Was wird jetzt aus denen, die auf das Angebot angewiesen sind?
Brühl: Der Großteil unserer Ehrenamtlichen gehört zur Risikogruppe. Auch viele Kundinnen und Kunden der Tafel sind über 60. Ihr Schutz steht für uns jetzt im Vordergrund. Gleichzeitig muss natürlich die Unterstützung mit Lebensmitteln gewährleistet bleiben. Was mir zudem Sorgen bereitet, ist, dass viele dieser Menschen sowieso schon in Einsamkeit leben. Für sie sind die Tafeln oft ein wichtiger Ort, um anderen Menschen zu begegnen. Das fällt jetzt, neben der Möglichkeit, den Geldbeutel zu entlasten, auch noch weg. Sie brauchen jetzt ganz besonders unsere Unterstützung.
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